Kaffeewissen

Der schwarze Wein kommt nach Europa: Kaffeehäuser, Verbote und Kaffeeschnüffler

Leonhard Rauwolf war der erste Europäer, der Kaffee beschrieb. Was folgte: Kaffeehäuser in Venedig, London und Wien, eine korrigierte Legende über Kolschitzky, und Friedrichs Kaffeeschnüffler in Preußen.

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15. Juni 2026 · 9 Min. Lesezeit

Im Jahr 1582 sitzt ein Augsburger Arzt in einer Stadt am Euphrat und trinkt etwas, das er noch nie gesehen hat: eine schwarze, heiße Flüssigkeit aus gerösteten Samen. Leonhard Rauwolf schreibt auf, was er beobachtet. Er ahnt nicht, dass er damit die erste schriftliche Beschreibung eines Europäers über Kaffee hinterlässt — und dass dieses Getränk drei Jahrhunderte später den Alltag seines Kontinents durchdringen wird. Der Weg dahin führt durch Kaffeehäuser, Königsverbote und eine der merkwürdigsten Polizeitruppen der Geschichte.

Der erste Europäer, der von Kaffee berichtet

Leonhard Rauwolf war Arzt und Botaniker aus Augsburg. Zwischen 1573 und 1576 bereiste er den Nahen Osten — Syrien, den Irak, Palästina. Was er dort sah, hielt er in einem Reisebericht fest, der 1582 erschien. Darin beschreibt er ein schwarzes Getränk namens "Chaube", das "fast so schwarz wie Tinte und für Magenleiden sehr nützlich" sei. Die Menschen tränken es morgens, aus irdenen oder Porzellantassen, in geselliger Runde.

Das ist keine Anekdote aus zweiter Hand. Rauwolf hat Kaffee selbst getrunken und beschrieben. Sein Bericht ist der früheste bekannte schriftliche Beleg eines Europäers über Kaffee — nicht als Kuriosität, sondern als alltägliches Getränk einer ganzen Zivilisation.

Europa kannte Kaffee damals noch nicht. Das sollte sich schnell ändern.

Die ersten Kaffeehäuser: Von Venedig bis London

1645 öffnet in Venedig das erste Kaffeehaus Europas. Die Handelsstadt war der logische Ausgangspunkt: Venezianische Kaufleute hatten seit Jahrzehnten Kontakt zur osmanischen Handelswelt und kannten das Getränk aus Konstantinopel, wo Kaffeehäuser — Qahvehane — seit dem 16. Jahrhundert zum Stadtbild gehörten.

Sieben Jahre später, 1652, betritt ein Mann namens Pasqua Rosée die Geschichte. Der Grieche eröffnet in London in der St. Michael's Alley ein Kaffeehaus — das erste der Stadt. Es ist belegt durch einen zeitgenössischen Werbeflyer, der noch heute existiert. Darin preist Rosée die Tugenden des Kaffees: Er kläre den Kopf, fördere die Verdauung, helfe gegen Kopfschmerzen. Die Londoner sind skeptisch, dann neugierig, dann begeistert.

Was folgt, ist eine der interessantesten Entwicklungen in der Geschichte des öffentlichen Raums. Londons Kaffeehäuser werden zu Informationsbörsen. Jeder zahlt einen Penny Eintritt — daher der Spitzname "Penny Universities" — und erhält dafür Kaffee, Zeitungen und Gesellschaft. Kaufleute tauschen Nachrichten aus, Politiker debattieren, Schriftsteller schreiben. Edward Lloyd betreibt ab 1688 ein Kaffeehaus in der Tower Street, in dem sich Reeder, Kaufleute und Schiffsmakler treffen. Aus diesem Treffpunkt entsteht Lloyd's of London — bis heute einer der bedeutendsten Versicherungsmärkte der Welt.

Das Kaffeehaus ist nicht einfach ein Lokal. Es ist eine Institution.

Kaffee in Deutschland: Bremen, Hamburg, Wien, Berlin

Deutschland kommt etwas später. 1673 eröffnet in Bremen das erste deutsche Kaffeehaus, 1677 folgt Hamburg. Beide Städte sind Handelsstädte mit engen Verbindungen nach England und in die Niederlande — der Kaffee kommt auf dem Seeweg.

Wien nimmt eine Sonderstellung ein. Die Stadt liegt näher an der osmanischen Welt als London oder Bremen, der Kaffee erreicht sie über die Donau und durch den Levantehandel. Das gesicherte Datum für das erste offizielle Kaffeeschank-Privileg in Wien ist der 17. Januar 1685: Johannes Deodat, ein armenischer Händler, erhält die Lizenz zum Kaffeeausschank. Das belegt das Wien Geschichte Wiki auf Basis stadtarchivalischer Quellen.

1721 folgt Berlin. Zu diesem Zeitpunkt ist Kaffee in den deutschen Handelsstädten längst kein Exotikum mehr.

Die Legende von Kolschitzky — und was wirklich in Wien passierte

Wer in Wien Kaffeehäuser sucht, stößt früher oder später auf den Namen Georg Franz Kolschitzky. Die Geschichte, die über ihn erzählt wird, ist gut: Er soll 1683 nach der Zweiten Türkenbelagerung Wiens die zurückgelassenen Kaffeesäcke der osmanischen Armee als Entlohnung erhalten und damit Wiens erstes Kaffeehaus gegründet haben. Es gibt in Wien sogar eine Kolschitzkygasse.

Das Problem: Die Geschichte hält historischer Prüfung nicht stand.

Das Wien Geschichte Wiki — die auf Primärquellen gestützte stadthistorische Enzyklopädie der Stadt Wien — weist klar darauf hin, dass das erste gesicherte Kaffeeschank-Privileg in Wien am 17. Januar 1685 an Johannes Deodat vergeben wurde, nicht an Kolschitzky und nicht 1683. Stadtarchivalische Quellen stützen diese Einordnung. Die Kolschitzky-Erzählung ist eine Legende, die im 19. Jahrhundert an Popularität gewann und sich hartnäckig hält — als historischer Beleg taugt sie nicht.

Das schmälert die Geschichte der nicht. Es korrigiert nur, wer tatsächlich am Anfang stand.

Friedrich der Große und die Kaffeeschnüffler

Während Wien seine Kaffeehauskultur entwickelt, bekommt Kaffee in Preußen ein anderes Kapitel. 1766 führt Friedrich II. ein staatliches Handelsmonopol für Kaffee ein. Offizieller Grund: merkantilistische Wirtschaftspolitik. Der Kaffee kommt aus dem Ausland und kostet Devisen. Heimische Güter — Bier, aus Getreide — sollen stattdessen die Bevölkerung versorgen.

1781 verschärft Friedrich die Maßnahme. Privates Rösten wird vollständig verboten. Nur staatlich konzessionierte Röstereien dürfen Kaffee rösten. Doch wie kontrolliert man ein Verbot, das die Bevölkerung schlicht ignorieren will?

Friedrich findet eine Lösung, die in die Geschichte eingegangen ist: die Kaffeeriecher, auch Kaffeeschnüffler genannt. Etwa 400 ehemalige Kriegsinvaliden werden angestellt, durch die Straßen zu gehen, die Nasen in Hinterhöfe und Küchen zu stecken und illegale Röstungen aufzuspüren. Wer erwischt wird, zahlt. Die Denunzianten erhalten eine Provision. Leibesvisitationen sind nicht ausgeschlossen.

Die Bevölkerung reagiert mit Verachtung. Die Kaffeeschnüffler werden verhöhnt, beschimpft und nach Möglichkeit getäuscht. Das Verbot bleibt weitgehend wirkungslos — der Schwarzmarkt für blüht. Friedrich II. stirbt 1786. Sein Nachfolger Friedrich Wilhelm II. schafft das Verbot 1787 ab. Die Kaffeeschnüffler werden aufgelöst.

Es ist eine der kuriosesten staatlichen Interventionen in den Alltag der deutschen Geschichte — und ein Lehrstück darüber, was passiert, wenn eine Regierung versucht, einem Volk seinen Morgenkaffee wegzunehmen.

Zwei deutsche Erfindungen, die Kaffee für immer veränderten

Im frühen 20. Jahrhundert entstehen in Deutschland zwei Erfindungen, die den Kaffee weltweit verwandeln.

1905 entwickelt Ludwig Roselius, Kaufmann aus Bremen, ein Verfahren zur Entcoffeinierung von Kaffee. Roselius dämpft die grünen Kaffeebohnen mit Salzwasser und behandelt sie dann mit Lösungsmitteln, die das herauslösen. Das Ergebnis: Kaffee ohne Koffein, vermarktbar für Menschen, die auf die Stimulanzwirkung verzichten wollen oder müssen. Er gründet die Marke Kaffee HAG — das Kürzel steht für Kaffee-Handels-Aktiengesellschaft. Kaffee HAG wird zu einer der ersten globalen Lebensmittelmarken.

Drei Jahre später, am 20. Juni 1908, meldet Melitta Bentz aus Dresden ein Patent an. Die Hausfrau ist unzufrieden mit dem Kaffee ihrer Zeit: Die damaligen Brühmethoden hinterlassen Kaffeesatz im Becher, der schmeckt und trüb. Bentz stanzt Löcher in einen Blechbecher, legt ein Blatt Löschpapier ihres Sohnes hinein und gießt heißes Wasser über das Kaffeepulver. Der Kaffee, der dabei herauskommt, ist klar, mild, ohne Satz. Das Filterprinzip funktioniert. Sie meldet es zum Patent an, gründet gemeinsam mit ihrem Mann ein Unternehmen — heute noch als Melitta bekannt.

Beide Erfindungen verändern nicht, was Kaffee ist. Aber sie verändern, wie er getrunken wird, wer ihn trinken kann und wie er in den Alltag von Millionen Menschen einzieht.

Kaffee hat Europa nicht still und leise erreicht. Er kam als Fremdkörper, wurde verboten und kontrolliert, debattiert und verteidigt — und hat sich am Ende gegen alle Widerstände durchgesetzt.

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